Linus Hiersemann aus Troisdorf-Sieglar kämpfte sich 130 Kilometer durch Hitze, Staub und die Nacht in einem Teilnehmerfeld der Weltspitze im Ultralauf
Fürstenau / Troisdorf. Es war eine von vielen bewegenden Geschichten des diesjährigen Last Soul Ultra im Fürsten Forest. Vor gerade einmal zehn Monaten verfolgte Linus Hiersemann aus Troisdorf-Sieglar das spektakuläre Event noch als faszinierter Zuschauer vor dem heimischen Bildschirm. Ohne nennenswerte Lauf-Vorerfahrung, aber mit einem großen Traum im Gepäck, packte ihn damals der Ehrgeiz. Am vergangenen Wochenende stand er nun selbst, als jüngster Teilnehmer nur drei Wochen nach seinem 19. Geburtstag, an der Startlinie – inmitten der internationalen Weltelite des Ultralaufs.
Das Prinzip Backyard Ultra: Ein Rennen ohne Ziellinie
Das Format eines „Backyard Ultras“ ist ebenso simpel wie unerbittlich: Die Athleten müssen eine feste Runde von exakt 6,706 Kilometern absolvieren. Die Herausforderung: Für jede Runde haben sie genau 60 Minuten Zeit. Wer schneller läuft, hat mehr Pause – wer es nach einer Stunde nicht rechtzeitig zurück in den Start-Korridor schafft, fliegt raus. Gelaufen wird so lange, bis nur noch ein einziger Läufer/in, the Last Soul (die letzte Seele), übrig ist. Alle anderen scheiden offiziell mit dem Status „Did Not Finish“ (DNF) aus.
Die 126-Runden-Bewerbung
Schon der Weg an die Startlinie glich einem sportlichen Märchen. Um einen der begehrten Startplätze zu ergattern, ließ sich Linus von Mit-Organisator und Vorjahressieger Kim Gottwald inspirieren. Gottwald hatte sich in seiner eigenen Vorbereitung auf das Vorjahres-Event einer extremen mentalen und physischen Challenge gestellt: Er lief 100 Kilometer am Kölner Aachener Weiher. Da die dortige Runde gerade einmal 800 Meter misst, bedeutete dies unvorstellbare 126 Runden im Kreis. Linus zog im Training nach, legte exakt einen Kilometer mehr als die Vorlage des Chefs zurück und reichte dies als seine erfolgreiche Bewerbung für das diesjährige Top-Event ein.
Der Kampf auf der Strecke
Was als Experiment begann, entwickelte sich im Fürsten Forest zu einer tiefen körperlichen Grenzerfahrung. Getragen von der euphorischen Stimmung im Zielbereich und seiner treuen Support-Crew, kämpfte sich der Sieglarer Newcomer Stunde um Stunde durch das unerbittliche Format. Erst in der tiefen Dunkelheit der Nacht, als die Temperaturen spürbar sanken, forderte die Belastung ihren Tribut.
Wenn der Körper die Reißleine zieht
Am Ende triumphierte die menschliche Physiologie über den eisernen Willen, auch wenn das insgeheim erhoffte Ziel von 24 Stunden knapp verfehlt wurde: Am Vormittag des zweiten Tages in Runde 20 nach knapp 130 km und nach 19 fehlerfrei vollendeten Runden am Stück forderte die extreme Belastung von tagsüber bei teils 37° und nachts bei einsetzendem Regen ihren Tribut. Die Wade streikte, und Linus schaffte es nicht mehr rechtzeitig innerhalb des harten 60-Minuten-Zeitlimits ins Ziel.
Doch von Enttäuschung fehlte im Lager des Debütanten jede Spur. Seine drei Begleiter der Crew und die Zuschauer vor Ort feierten das vorzeitige Aus wie einen Sieg. Nach nur zehn Monaten Training fast 130 Kilometer gegen die Uhr und einem beachtlichen 70. Platz im Gesamtfeld bleibt eine absolute Ausnahmeleistung. „Die mentalen Grenzerfahrungen und der unbeschreibliche Zusammenhalt unter den Läufern haben mich zutiefst geprägt“, zog Linus sichtlich bewegt Bilanz. Er hat bewiesen, dass echte Grenzen oft ganz woanders liegen, als man denkt. Nach dem Backyard ist vor dem nächsten Backyard und so wartet als kommende Herausforderung der diesjährige Köln Marathon auf Linus und erste Ideen, wie er sich für den nächsten Last Soul Ultra im kommenden Jahr bewerben könnte.


