Mehr als 30 Jahre Unterstützung für Betroffene
(rmh) Die AA in Sieglar steht seit Jahrzehnten für eine stille, aber wirkungsvolle Form der Solidarität. Ihr Kern ist einfach und zugleich tief verwurzelt in einer weltweiten Bewegung, die in den 1930er-Jahren in den USA entstand. Damals fanden zwei Männer – Bill W. und Dr. Bob – heraus, dass gegenseitige Unterstützung und ehrliche Selbstreflexion ein Weg aus der Alkoholabhängigkeit sein können. Aus dieser frühen Erfahrung entwickelte sich ein Programm, das später auch in Deutschland Fuß fasste und bis heute Menschen hilft, einen neuen, nüchternen Lebensweg zu beginnen. Die Gruppe in Sieglar trägt diese Tradition weiter, ohne große Worte, aber mit einer bemerkenswerten Beständigkeit.
Regelmäßig treffen sich dort zwischen zehn und siebzehn Menschen, die alle eines gemeinsam haben: Sie kommen freiwillig, sie kommen aus eigener Motivation, und sie kommen, weil sie wissen, dass Veränderung nur gelingt, wenn man sie gemeinsam trägt. Die Treffen folgen dem Peergroup-Prinzip – es gibt keine professionelle Leitung, keine Hierarchie, keine äußere Autorität. Jeder ist mit seiner Vita willkommen. Die Gruppe führt sich selbst, und gerade darin liegt ihre Stärke. Jeder bringt seine Geschichte mit, jeder hört zu, jeder unterstützt. Die Atmosphäre ist geprägt von Vertrauen, Respekt und dem Wissen, dass Offenheit nur entsteht, wenn niemand bewertet wird. Und Anonymität. Angesprochen wird sich nur mit Vornamen im Du und wer den Treffpunkt verlässt, lässt zurück, was erlebt wurde. Diese Form der Selbstorganisation ist ein Grundpfeiler der weltweiten AA-Bewegung und zeigt sich in Sieglar in besonders authentischer Weise.
Ein weiterer Grund für die Stabilität der Gruppe ist die langjährige Zusammenarbeit mit der Kreuzkirche in der Grabenstraße 65. Seit 35 Jahren stellt die Gemeinde ihre Räumlichkeiten kostenlos zur Verfügung – ein Zeichen gelebter Nächstenliebe, das weit über organisatorische Unterstützung hinausgeht. Die Kirche bietet nicht nur einen Ort, sondern auch ein Gefühl von Sicherheit und Zugehörigkeit. Viele Teilnehmer berichten, dass allein der vertraute Raum ihnen hilft, regelmäßig zu kommen und sich zu öffnen. Diese Partnerschaft ist ein stilles Fundament, das die Arbeit der Gruppe erst möglich macht.
Im Zentrum der Treffen stehen die Zwölf Schritte und die Zwölf Traditionen, das Regelwerk der AA, das weltweit gilt und den Rahmen für die gemeinsame Arbeit bildet. Die Schritte laden dazu ein, Verantwortung zu übernehmen, das eigene Leben ehrlich zu betrachten, Versöhnung zu suchen und spirituelle Kraft zu entwickeln – unabhängig von religiöser Bindung. Die Traditionen wiederum schützen die Gemeinschaft: Sie betonen Anonymität, Selbstlosigkeit, Unabhängigkeit und die Idee, dass die Gruppe immer wichtiger ist als das einzelne Ego. In Sieglar werden diese Prinzipien nicht theoretisch diskutiert, sondern im Alltag gelebt. Sie schaffen Orientierung, ohne Druck auszuüben, und geben Halt, ohne zu bevormunden.
Wer die Treffen besucht, erlebt eine besondere Mischung aus Ernsthaftigkeit und Hoffnung. Viele Teilnehmer haben lange Wege hinter sich, manche stehen noch am Anfang, andere sind seit Jahren trocken. Doch alle teilen die Erfahrung, dass Alkoholabhängigkeit kein individuelles Versagen ist, sondern eine Krankheit, die man nur gemeinsam bewältigen kann. Die Gespräche sind oft intensiv, manchmal humorvoll, manchmal schwer – aber immer getragen von dem Bewusstsein, dass jeder Schritt in Richtung Nüchternheit zählt. Die Gruppe bietet keinen schnellen Ausweg, sondern eine kontinuierliche Begleitung, die Menschen befähigt, ihr Leben neu zu gestalten.
Dass diese Arbeit seit Jahrzehnten Bestand hat, liegt an der Mischung aus Tradition und persönlicher Nähe. Die AA in Sieglar ist kein Verein, keine Institution, kein Projekt. Sie ist eine Gemeinschaft von Menschen, die sich gegenseitig tragen. Die lange Partnerschaft mit der Kreuzkirche, die Selbstorganisation nach dem Peergroup-Prinzip und die Orientierung an den Zwölf Schritten und Zwölf Traditionen bilden ein stabiles Gerüst, das vielen hilft, trocken zu werden und zu bleiben. In einer Zeit, in der vieles schnelllebig ist, wirkt diese Beständigkeit fast wie ein Gegenentwurf – leise, aber wirkungsvoll.
Die AA-Gruppe in Sieglar zeigt, dass Veränderung möglich ist, wenn Menschen einander zuhören und Verantwortung teilen. Sie ist ein Ort der Hoffnung, der Gemeinschaft und der gelebten Solidarität. Und sie beweist, dass ein Raum, ein Kreis von Menschen und ein gemeinsames Ziel ausreichen können, um Leben nachhaltig zu verändern. Weitere Infos bietet: https://aa-ig6-rg8.de